Qualitatives Mapping auf Wikimapia

Von Christian Bittner und Stella Schäfer

In der mittlerweile unübersichtlich umfangreichen Literatur zu den Entwicklungen der  Internet-Kartographie (relevante Schlüsselbegriffe sind hier Geoweb, Neogeography, Volunteered Geographic Information oder Web 2.0-Mapping) ist immer wieder die Rede von einem (potentiellen) Aufbrechen der Standards und Konventionen der traditionellen Kartographie.

Unter den großen kollaborativen Mapping-Plattformen hat das Projekt Wikimapia nach unserem Kenntnisstand bei entsprechenden Analysen bisher wenig Beachtung erfahren, verglichen mit den populären Projekten OpenStreetMap und GoogleMapMaker. Jedoch (oder vielleicht deswegen?) lassen sich hier viele überraschende und interessante Phänomene jenseits amtlicher und akademischer kartographischer Standards entdecken. Wikimapia wird durch seine offene Gestaltung besonders interessant, die den Mappern große Gestaltungsspielräume gewährt. Zum Beispiel können bestehende Kategorien für neue Objekte (z.B. Straße, Schiene, Grenze etc. für Linien) zwar verwendet werden, dies ist jedoch keineswegs verpflichtend. Des Weiteren kann jedes Objekt mit qualitativen Beschreibungen, externen Links und Kommentaren versehen werden. Dies erlaubt eine neue Form von Kontextualisierung räumlichen Wissens und eröffnet die Möglichkeit zu Debatten unter den Nutzern. Auffindbar sind solche kartographischen Kuriositäten beispielsweise über die Eingabe deskriptiver Schlagworte in die Suchmaske Wikimapias. Hier einige Ergebnisse einer stichprobenhaften Suche nach den Begriffen gefährlich/dangerous sowie schön/beautiful:

Bei dem deutschsprachigen Wort „gefährlich“ lassen sich hauptsächlich Hinweise in Bezug auf sportliche Freizeitaktivitäten finden. So zum Beispiel ein Eintrag, der auf den Schwierigkeitsgrad eines Wanderweges in Italien hinweist:

Bei den Orten mit der Referenz „dangerous“ ist teilweise soziales, politisches und persönliches Hintergrundwissen in die Ortsbeschreibung eingeflossen. Hier das Beispiel einer Straße in der irakischen Stadt Basra mit einer Erklärung der Besitzverhältnisse und ihren Auswirkungen auf die Qualität der Straße.

Bei der deutschsprachigen Kategorie „schön“ finden sich hauptsächlich Empfehlungen den Ort aufzusuchen. Fast alle Empfehlungen argumentierten mit der visuellen Beschreibung oder dem Flair des Ortes. In unserem Beispiel wird der Hamburger Stadtteil St. Georg beschrieben, sogar inklusive wahrgenommener sozialer Kontraste und Kommentar zur Entwicklung des Wohnungsmarktes.

Das außergewöhnlichste Ergebnis jedoch lieferte die Suche nach dem englischen Begriff „beautiful“: Wir entdeckten ein bizarres Polygon in Form einer Comic-Figur, mit welchem eine „graffiti-allowed-area“ bei Amsterdam in den Niederlanden kartiert wurde.

Diese wenigen Beispiele zeugen davon, dass es im Web 2.0 Mapping, insbesondere auf Wikimapia tatsächlich möglich ist, klassische kartographische Standards außer Kraft zu setzen. Karten werden hierdurch fluider, spielerischer, teilweise sogar emotional. Also, wie wir meinen, in vielerlei Hinsicht auch interessanter.

Wir werden in Zukunft Weiteres zu dieser Thematik posten. Über Hinweise auf weitere Beispiele zu qualitativem Mapping, wie wir es mangels eines besseren Begriffes nennen, wären wir natürlich sehr dankbar!

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Über Christian Bittner

I'm a PhD Candidate at the institute of Geography, University of Erlangen-Nuremberg, Germany. The subject of my thesis is "Web 2.0 mapping in Israel/Palestine", which is at the intersection of my research interests: Political Geography, Critical Cartography, GIS and the Geoweb. You'll find my 'official' academic profile here
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Eine Antwort zu Qualitatives Mapping auf Wikimapia

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