Tagungsbreitrag: Geo@Web in Landau

By Christian Bittner

Bei der Tagung  Geo@Web, die am 28. und 29. März in Landau stattgefunden hat, haben Boris Michel und ich einen gemeinsamen Vortrag gehalten mit dem Titel  „Kartographie@web 2.0 Repräsentation und Praxis – Diskurse von Web 2.0-Karten“.

Die Tagung war darauf ausgerichtet, Fragen des Geoweb für eine kritische Geographie – insbesondere im Hinblick auf die Geographiedidaktik zu thematisieren. Vor diesem Hintergrund wollten wir mit unserem Beitrag eine reflektierte, machtkritische und technik-sensible Perspektive im Umgang mit Web 2.0-Kartographie vorschlagen. Hier die Folien und das Skript des Vortrags:

Die Etablierung des „geoweb“ – also die Vervielfältigung geolokalisierter Daten im Netz – geht einher mit einer Veränderung der Möglichkeiten und Praktiken der Visualisierung dieser Daten.  Dies gilt nicht zu Letzt für Karten und Kartographie, die in den letzten Jahren (!2005) eine tiefgreifende Transformation erleben.

Wir möchten uns in diesem Beitrag mit einem konkreten Beispiel von kartographischer Geovisualiserung im geoweb beschäftigen und deutlich machen dass mit diesen neuen Praktiken und Prozessen eine Reihe konflikthafter und machtvoller Aushandlungen, Sichtbarmachungen und Unsichtbarmachungen, Einschlüsse und Ausschlüsse verbunden sind. Es geht uns also um konflikthafte Momente und politische Dimensionen von Geovisualisierungen im Web 2.0.

Anders als im Bereich der klassischen Kartographie wo wir den Prozess von Aufnahme über Verarbeitung bis zur Publikation recht gut kennen, haben wir es im Kontext von Web 2.0 Karten mit einer Reihe recht unscharf erscheinenden Prozessen und Strukturen zu tun. Z.T. weil die Prozesse recht neu sind, zum Teil weil die Prozesse selbst unscharf sind.

Die akademische Debatte um Geovisualisierungen im Geoweb und insbesondere um neue Formen von Kartographie ist geprägt von großem Enthusiasmus gegenüber einem vermuteten Demokratisierungspotential neuer kartographischer Technologien. Die Hoffnung besteht darin, dass grundlegende Kritikpunkte und Forderungen der Kritischen Kartographie sowie der Critical GIS  durch kollaborative und offene Verfahren der Geodaten- und Kartenherstellung erfüllt werden könnten.

Es wird also ein Versprechen der Demokratisierung der Kartenproduktion und der Karteninhalte gesehen. Offene und Web 2.0 basierte Karten, so die Hoffnung, machen andere Stimmen hörbar und erlauben es jedem und jeder an der Produktion und Veränderung von Karten zu partizipieren.

Netzskeptische Perspektiven – auf der anderen Seite – sehen hierin einen Verlust und eine Krise der etablierten und professionellen Kartographie. Diese Kritik kann einen Verlust an wissenschaftlicher Qualität bemängeln oder sich darstellen als Verteidigung einer Profession und ihrer etablierten Standards.

Wir möchten in unserem Beitrag uns etwas genauer mit diesem Spannungsfeld beschäftigen.

Als Beispiels dienen uns Web 2.0 Krisen- und Konfliktkarten, also dezidiert politische Interventionsversuche in Form von Karten. Diese Karten haben in den letzten Jahren einiges an Aufmerksamkeit im politischen und akademischen Feld erregt. Web 2.0 Krisenkarten werden gerne dann angeführt, wenn es darum geht, die emanzipatorischen Potenziale und eine Ermächtigung von denjenigen Stimmen hervorzuheben, die in klassischen Karten nicht hörbar waren (klassische Karten verstanden als von staatlichen Vermessungsämtern und großen Verlagshäusern produzierten Papierkarten). Sie können also als paradigmatisch für die Argumente einer netzeuphorischen Position gesehen werden.

Wir schließen hiermit an Debatten der kritischen Kartographie an. Diese zielen darauf ab, eine sozialwissenschaftliche Perspektive auf Karten und Kartographie zu formulieren und Karten als „soziale“ Produkte zu begreifen. Diese Arbeiten waren zunächst stark geprägt von einer historischen und dekonstruktivistischen Perspektive auf Karten (Karten als „Text“. Das hat für Web 2.0 Kartographie deutliche Grenzen, so dass in den letzten Jahren hier eine Art „practical turn“ stattgefunden hat.

Fragen nach dem Demokratisierungspotential von Web 2.0 Karten werden in dieser Diskussion aus zwei Richtungen gedacht. Als Demokratisierung der Produktion & Distribution der Karten sowie als eine Demokratisierung ihrer Wirklichkeitsproduktion (also dieses Konflikts) und damit eine Demokratisierung der SprecherInnenpositionen.

1. Die Demokratisierung der Kartenherstellung,

2. Die Demokratisierung der Karteninhalte – bzw. der Herstellung dessen was kartiert wird.

Hinweis: unser hier verwendeter Demokratiebegriff ist sicherlich vielfach naiv und unscharf und geprägt von einem recht simplistischen Mehr-ist-demokratischer.

Wir möchten dies im Weiteren etwas genauer beleuchten.

Hier sehen wir unsere Beispiel-Karte – die Palestine Crisis Map – die versucht, Menschenrechtsverletzungen in Palästina/Israel kartographisch darzustellen und damit politisch in den Konflikt zu intervenieren.

Auf dem Kartenausschnitt sind Punkte kartiert. Diese Punkte repräsentieren Ereignisse aus den rechts aufgeführten Kategorien, Wenn ich in diese Karte hereinzoomen würde, würden die großen Kreise mit großen Zahlen desaggregiert, so dass auf einer entsprechend großen Maßstabsebene jeder Punkt für ein kartiertes „Ereignis“ steht.

Wenn man auf einen einzeln stehenden Punkt klickt, bekommt man erste Informationen zu dem kartierten Vorfall, durch einen Klick auf more information würde man detailliertere Informationen erhalten.

Wir haben hier also zweierlei. Eine Karte bzw. eine visuelle Repräsentation eines politischen Konfliktes sowie eine Web 2.0 Karte.

Die Karte ist eine  Web 2.0 Karte.  D,h,

1) Es handelt sich um ein sogenanntes Map Mashup.
Mashup bezeichnet das Vermischen (to mash) verschiedener externer Datensätze. Neben Nachrichtenportalen können die Informationen dieser Karte  bspw. aus NGO-Berichte, Twitter-Nachrichten oder von Augenzeugen stammen; Neben Texten können auch Bilder und Videos verknüpft werden.

Diese Daten werden anhand geographischer Koordinaten mit einer Basiskate vermischt bzw. auf dieser dargestellt werden.

2) Dies ist auch das zweite Element von Web 2.0-Karten – die extern bezogene Basiskarte. Hier wird die Karte von OpenStreetMap verwendet, die frei editierbar ist und deren Daten kostenlos verwendet werden dürfen. Sie könnte auch von kommerziellen Anbietern wie z.B. Google oder Bing bezogen werden.

3) Ein weiteres zentrales Element von Web 2.0-Karten ist der der kollaborative Prozess der Datengenerierung, das crowdsourcing. wir sehen oben rechts die Aufforderung submit a report. Das bedeutet, wie bei wikipedia oder openstreetmap kann sich jeder an der Datenherstellung zu beteiligen.

Wir halten also fest, dass web 2.0-Karten sehr vielen sehr verschiedenen Akteuren hergestellt werden können. sehr unterschiedliche Akteure und damit sehr unterschiedliche Diskurse auf die Karte Einfluss genommen haben könnten.

Und wir haben hier eine Konfliktkarte

Kartographische Bearbeitungen von Konflikten und Krisen sind prinzipiell nichts neues. Als Mittel der Komplexitätsreduktion und Entscheidungshilfe haben sie eine Tradition, die mindestens bis zum 1. Weltkrieg zurückreicht.

Neu an solchen web 2.0-Krisenkarten ist eine Aura der Nähe und Unmittelbarkeit, die mit klassischen Formen der Datenproduktion nicht möglich war. Also die Dynamik des Live-Kartierens, etwas passiert, und es kann sofort per smartphone auf die Karte gelangen. Ich sehe also nicht nur, dass es den Konflikt wirklich gibt, ich sehe auch sein aktuelles Stadium auf dieser Karte.

Viele solcher neuen Web 2.0-Krisen-Karten basieren auf der Plattform Ushahidi, die 2008 von einer Gruppe von Journalisten und Aktivisten etabliert wurde, um den politischen Konflikt nach der Präsidentschaftswahl in Kenia zu dokumentieren. Ushahidi wurde vor allem wegen der Krisenkarte zum Erdbeben in Haiti 2010 bekannt. Aus einer Kerngruppe von Akteuren ist das internationale  Netzwerk der Crisis Mappers entstanden, aus welchem wiederum unzählige Krisen- und Konfliktkarten hervorgegangen sind, teilweise sogar in Zusammenarbeit mit staatlichen und suprastaatlichen Akteuren, wie der UN im Falle des Libyen-Kriegs im letzten Jahr.

An solchen Karten erscheinen uns zwei Dimensionen besonders interessant

Fragen der Demokratisierung (was heißt Demokratisierung in Bezug auf Web 2.0 Karten?)

Fragen nach dem Konflikt/der Krise (Was wird durch diese Karten aus einem Konflikt?

1. Worin nun liegt das „demokratische Potential“ dieser Web 2.0-Karte?

Betrachtet man den Diskurs, in den diese Crowdsourced und Krisenkarten eingebunden sind, dann ist dieser voll von einer Rhetorik der Demokratisierung, Ermächtigung marginalisierter Gruppen, der Authentischen bottom-up-Kartographie.

Viele dieser Karten erhalten ihre Autorität zudem durch zivilgesellschaftliche Akteure und internationale Organisationen

Demokratisierung der Kartenherstellung heißt zunächst, dass mehr Menschen in den Prozess der Produktion eingebunden sind.

Wer ist also an der Kartenproduktion beteiligt und wer nicht?

Zunächst klassisches Problem der digital divide (fehlenden Zugang zu Endgeräten, Internetverbindungen, EDV-Kompetenzen

Sprachkenntnisse die Seite ist fast ausschließlich auf englisch. Das wirft die Frage auf, wer hier für wenn was kartiert.

Das bedeutet, dass die potentielle crowd, über die wir hier reden einem elitären Teil der Weltbevölkerung angehören muss.

Als Autor/in der Karte sehen wir die Person, die für den Internettauftritt verantwortlich ist. Diese trifft jedoch nur einige Entscheidungen der Kartengestaltung. Andere kann diese Person nicht beeinflussen.

Z.B. spielt die Plattform „Crowdmap“, auf der die Karte erstellt wurde,  eine zentrale Rolle. Crowdmap funktioniert ähnlich wie viele blogs oder auch facebook: jeder kann sich seine eigene Seite kreieren, ein Thema wählen, einen Kartenausschnitt und die zu kartierenden Kategorien. das Standardlayout ist jedoch vordeterminiert.

Ob es sich dabei im Menschenrechtsverletzungen in Palästina/Israel

…die Erdbebenkatastrophe in Haiti

…oder StreetArt in Erlangen handelt

Die Programmierer von Crowdmap gehören damit letztlich ebenfalls zu den Herstellern der Karte und bestimmen in hohem Maße was wie darstellbar ist.

„Crowds“ im eigentlichen Sinne gibt es bei dieser Karte zwei. Einerseits die externe crowd der OSM-Basiskarte, andererseits die, die die Inhalte dieser Karte beiträgt. Beides geschieht vollkommen isoliert voneinander und ohne Bezugnahme aufeinander. Beide können durchaus verschiedene Interessen haben. So nimmt die Palestine Crisis Map eine stark pro-palästinensische Perspektive ein, während diese Frage bei OSM weitaus komplexer und differenzierter verhandelt wird.

Sowohl OSM als auch die Palestine Crisis Map haben ihre eigenen formellen und informellen Spielregeln,  In beiden Fällen gibt es Moderatoren mit Zensurrecht.

Die Möglichkeiten zur Partizipation für Jedermann sind demnach, im Gegensatz zu klassischen Karten zwar gegeben, jedoch sind den Handlungsmöglichkeiten der Partizipierenden enge Grenzen gesetzt.

Es ging uns in diesem Beitrag darum, ein Beispiel jener Karten zu betrachten, die in den letzten Jahren als ein paradigmatisch für die Versprechen der Öffnung und Demokratisierung der Kartographie im Web 2.0 diskutiert werden.

·         Versprechen einer Demokratisierung von Produktion und Inhalten

·         Versprechen Jeder kann Alles kartieren. Jede Stimme ist hörbar.

Gegenüber traditioneller Kartographie bedeutet das eine Öffnung der Produktion und damit eine praktische Kritik an den traditionellen Hierarchien von Kartographie.

Dynamisierung und Interaktivität versprechen zudem neue Formen der Temporalität und Möglichkeiten komplexer Verschaltung von Daten, also dass, was in der Regel mit recht komplexen Softwares von Geoinformationssystemen verbunden wird.

Web 2.0 Konfliktkarten wie die hier gesehene werden zudem einen als eine neue Form der Bearbeitung von Konflikten diskutiert. Während klassische Karten politischer Konflikte von Staaten oder internationalen Organisationen erstellt wurden und dadurch sowohl eine gewisse Zeitliche Behäbigkeit als auch eine gewisse Distanz von den Realitäten ‚on-the-ground‘ hatten, wird gerade diesen Karten eine besondere Unmittelbarkeit und Authentizität und Handlungsfähigkeit zugesprochen.

Diese Handlungsfähigkeit erscheint sowohl als eine der Akteure vor Ort (Ich sehe etwas, ich kann es berichten) als auch von mir als Konsumenten (Idee des Zugriff in Echtzeit auf das was ist, der kartographische a-perspektivische Blick usw. Das führt zu einer Verallgemeinerung der klassischen kritischen Debatte um GIS und deren Art zu sehen.)

Und sicherlich stecken eine Menge Potenziale in all dem.

Wir wollten dagegen aber eine kritische perspektive stark machen.

·         Einerseits darauf, dass der  produktionsprozess, der alles andere als offen ist

·         Zugangsbeschränkungen

·         Beschränkungen durch die Soft- und Hardware

Hierarchien/Exklusionen ändern sich, verschwinden aber nicht

·         Andererseits stellt sich natürlich die Frage, was es bedeutet soziale Konflikte zu kartieren.

·         Das ist eine der zentralen Fragen der Kritischen Kartographie ganz allgemein. Karten wird gerade in öffentlichen Diskursen, aber auch in der Wissenschaft vielfach eine erhebliche Authentizität und Autorität zugesprochen, gerade weil sie chaotisch erscheinende Komplexität in (vermeintlich eindeutige) visuelle Ordnungen übersetzen. (Die ganze Diskussion  um Visualisierung von Wissen und Wissenschaft). Deshalb sind Karten, das haben wir vorhin gehört, ziemlich machtvolle Instrumente der Wirklichkeitsproduktion

·         Es betrifft zunächst alle Formen von Karten, die soziales Kartieren, (Problematik soziales Räumlich zu erklären …

·         Es hat aber auch spezifische Ausprägungen im Fall der hier gezeigten Web 2.0 Karten und es stellt sich die Frage wie hier

·         1-Räumlichkeit des Konflikts

·         2-Zeitlichkeit des Konflikts

·         3-Gesellschaftlichkeit des Konflikts

bearbeitet werden.

Während Web 2.0 Kartierung und multiple Autorenschaften vielstimmige und komplexe Karten möglichen machen und damit tatsächlich das erfüllen können, was von kritischen KartographInnen und Counter Cartography gefordert setzten sich doch recht simplistische Darstellungen durch, die geprägt sind von

·         Technozentrismus

·         Naivem Realismus

·         Und einer nicht unproblematischen Idee eines neutralen Beobachters aus dem Orbit.

Aber das wäre Gegenstand der Diskussion. Danke

 

 

Über Christian Bittner

I'm a PhD Candidate at the institute of Geography, University of Erlangen-Nuremberg, Germany. The subject of my thesis is "Web 2.0 mapping in Israel/Palestine", which is at the intersection of my research interests: Political Geography, Critical Cartography, GIS and the Geoweb. You'll find my 'official' academic profile here
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