Deutsche Leitkultur in amtlicher topographischer Karte?

Im Rahmen der Überarbeitung unserer Kartographie-Vorlesung blieb es nicht aus, dass ich mich intensiver mit einem der rezenten Hauptwerke deutscher Kartographie auseinandergesetzt habe: der amtlichen Topographischen Karte (TK).

Dort finden sich allerlei Symbole für religiöse Orte. In der bayerischen Fassung der Legende der Topographischen Karte 1 : 25.000 (TK25) finden sich derer vier (siehe unten), in Schleswig-Holstein, das in Sachen Religiosität den Bayern – in der öffentlichen Wahrnehmung auf jeden Fall – nichts vormachen kann, sind es sogar fünf verschiedene Signaturen.

Quelle: LVGB 2006: TK25 (Bayern)

Nun mag man sich fragen, ob religiöse Orte in topographischen Karten, die ja vornehmlich zur Darstellung von „Bebauungsstrukturen, Landnutzung und Geländeformen“ (BKG 2011) dienen, überhaupt eingezeichnet werden sollten. TKs dienen aber auch, und vor allem der Orientierung – dazu sind auffällige Gebäude sicher nicht falsch.

Fragt sich nur, weshalb dann aber nur christliche Orte, also Kirchen und Kapellen – mit oder ohne zwei Türmen – vertreten sind und nicht auch Synagogen und Moscheen? Zumindest die letzteren haben ja auch Türme und sollten daher gut sichtbar sein – auch wenn diese Türme „natürlich“ deutlich kleiner sind, ja sein müssen, als die christlichen; aber das ist eine andere Geschichte

Das dem tatsächlich so ist, soll ein Beispiel aus Augsburg illustrieren: die Synagoge in der Halderstraße, die auf GoogleMaps eingezeichnet ist, gibt es auf der amtlichen Karte nicht (roter Kringel unten):

Geobasisdaten Ausgabe 1989: © Bayerische Vermessungsverwaltung (www.geodaten.bayern.de)

Das Luftbild bei GoogleMaps in der Schrägansicht zeigt die 1917 errichtetete „vielleicht bedeutendste Jugendstilsynagoge Europas“ (roter Kringel unten; Quelle: Stadt Augsburg) sowie die in der topographischen Karte verzeichnete St. Anna Kirche (roter Kringel oben) in ihrer Gestalt aus dem Jahr 1749 (Quelle: Stadt Augsburg):

entnommen GoogleMaps am 2012-05-30

Ginge es nur um für die Orientierung notwendige „Landmarken“ müßte die Augsburger Synagoge eigentlich in der topographischen Karte eingezeichnet sein (um für die zweite große Religion neben dem Christentum in Deutschland zu sprechen: für die Mannheimer Yavuz Sultan Selim Moschee gilt das eben Gesagte, siehe Glasze 2009: 185).

Dass diese Nicht-Markierung kein historisches Phänomen alter topographischer Karten ist (der obige Ausschnitt stammt immerhin aus dem Jahr 1989), zeigt folgendes Beispiel aus der TK 25 aus Nürnberg aus dem Jahr 2010. St. Peter’s Kirche und Kapelle sind verzeichnet, die benachbarte Synagoge nicht (jedoch ein Werbeturm eines Einkaufszentrums).

Geobasisdaten vom 2010-12-13: © Bayerische Vermessungsverwaltung (www.geodaten.bayern.de)

Kritische Geister könnten nun vermuten, dass es wohl nicht so weit her sei mit der Aussage unseres Ex-Bundespräsidenten Wulff in seiner Rede zur Deutschen Einheit 2010, und dass in den Landesvermessungsämtern immer noch die Idee einer deutschen Leitkultur vorherrsche, als christlich-abendländisch historisierende Kulturdominanz.

Aber vielleicht tun wir den Geodäten und Kartographen in den Amtsstuben ja auch unrecht: Sie setzen ja nur die Normen und Konventionen um, die für topographische Karten gelten. Schließlich fehlen auf den TKs auch Spielplätze, Altenheime oder Obdachlosenunterkünfte (nicht jedoch Schwimmbäder, Denkmäler [fragt sich wieder, welche?] und Gewächshäuser).

Aber: topographische Karten sind auch nur eine Sonderform thematischer Karten. Als solche stellen sie natürlich immer nur eine Auswahl und Betonung einiger Phänomene unserer Welt dar. Und diese Selektion und Betonung wurde von jemandem aktiv getroffen.

Vielleicht setzt sich die Erkenntnis Wulffs ja auch irgendwann einmal in topographischen Karten durch…

Quellen:
Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) 2011: Digitale Topographische Karten. Online abrufbar unter http://www.bkg.bund.de/SharedDocs/Download/DE-BroschFlyer/AdV-Digitale-Topographische-Karten,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/AdV-Digitale-Topographische-Karten.pdf
Glasze, Georg 2009: Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift 97(4):181–191.
Landesamt für Vermessung und Geoinformation Bayern (LVGB) 2006: Topographische Karte 1:25.000. München.
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Über Tim Elrick

As an academic researcher at the Institute of Geography (University of Erlangen-Nuremberg, Germany) I am engaged with teaching and studying geodata and mapping from a more critical social and cultural geographic perspective. For my other academic interests have look here.
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Eine Antwort zu Deutsche Leitkultur in amtlicher topographischer Karte?

  1. Wladimir Sgibnev schreibt:

    Eine kartographische Antwort auf die amtliche Leitkultur: http://aktuell.nationalatlas.de/Moscheen.4_04-2011.0.html

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