Von Kirchen und Moscheen – religiöse Andachtsstätten in OSM

In einem kleinen Forschungsprojekt schaue ich mir gerade die Verbreitung des tags ‚places of worship‘ (religiöse Andachtsstätten) in OpenStreetMap näher an.

Die erste Karte zeigt die Verbreitung der verschiedenen Weltanschauungen in Deutschland, wie sie von OpenStreetMap-Aktiven gemappt wurden:

Places of worship in Germany (OSM data)

Religiöse Andachtsstätten in Deutschland (OSM-Datenbasis) Places of Worship in Germany (on basis of OSM data)

Ziemlich christlich könnte man denken – dabei muss man jedoch bedenken, dass

  • hier nur Daten auftauchen, die von mir einer Weltanschauung eindeutig zugeordnet werden konnten
  • die Daten natürlich nicht die Verteilung der Gläubigen darstellen, sondern nur der Bauten der Gläubigen
  • und zuletzt natürlich nur die Bauten wiedergeben, die von OSM-Aktiven tatsächlich gemappt wurden.

Gerade letzter Punkt ist eklatant: bei einem Vergleich der amtlichen Daten mit OpenStreetMap-Daten fällt auf, dass die OSMler noch lange nicht am Ende sind: amtlicherseits sind 60.244 Kirchen und Kapellen in Bayern verzeichnet (und hier sind nur die christlichen Andachtsstätten überhaupt erfasst); in OSM finden sich dagegen gerade mal 9.358 Andachtsstätten für alle Weltanschauungen in Bayern.

Nicht-christliche Religionsgemeinschaften gehen auf dieser Karte völlig unter, daher habe ich auf der nächsten Karte die Andachtsstätten der beiden größten Konfessionen in Deutschland (römisch-katholischen und evanglisch-lutherischen Glaubens) mal ausgeblendet:

Non-dominant religious places of worship  in Germany

Andachtsstätten, von religiösen Weltanschauungen, die nicht römisch-katholischen oder evanglisch-lutherischen Glaubens sind

Erstaunlich dürfte die große Anzahl an anderen religiösen Weltanschauungen sein, die die Karte dominieren – diese reichen von den Zeugen Jehovas über die neuapostolische Kirche bis hin zur „Ersten Vereinigten Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters in Deutschland“. Diese anderen Weltanschauungen sind in OSM ziemlich häufig vertreten. Unrepräsentiert in OpenStreetMap dürften aber –  trotz relativ großer Anzahl muslimischer Einträge auf dieser Karte – insbesondere die Moscheen sein: hier gibt es nur 297 Einträge von insgesamt 30207 weltanschaulich identifizierten Einträgen zum tag „places of worship“ in OSM; das sind nicht mal 1% aller Einträge, diesen stehen knapp 5% gläubige Muslime in Deutschland gegenüber (ja, ja, ich weiß schon: das erste sind Bauten, das zweite Menschen; es gibt aber dennoch vielleicht eine Hinweis auf ein mögliches Potenzial).

Zum Schluss noch ein Vergleich römisch-katholischer und evanglisch-lutherischer Andachtsstätten in Deutschland:

Protestant and Catholic places of worship in Germany

Römisch-katholische und evangelisch-lutherische Andachtsstätten in Deutschland

Nachdem Katholiken nicht unter dem Verdacht stehen, aktivere Mapper zu sein als Protestanten, zeichnet diese Karte ein nettes Bild der Verteilung der beiden Kofessionen in Deutschland – oder wenigstens ihrer architektionischen Gebietshoheit…

Wer es wissenschaftlicher mag, hier ein Aufsatz der kürzlich zum Thema erschienen ist:

Elrick, Tim (2014) Sozialwissenschaftliche tag-Analyse mit OpenStreetMap-Daten am Beispiel religiöser Andachtsstätten in Deutschland. Kartographische Nachrichten 64:152–156.

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Über Tim Elrick

As an academic researcher at the Institute of Geography (University of Erlangen-Nuremberg, Germany) I am engaged with teaching and studying geodata and mapping from a more critical social and cultural geographic perspective. For my other academic interests have look here.
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10 Antworten zu Von Kirchen und Moscheen – religiöse Andachtsstätten in OSM

  1. Holger schreibt:

    Leider sind viele evangelische Kirchen mit evangelikal getaggt. Das muss man leider bei so Auswertungen bedenken. Schade, dass die Daten 1,5 Jahre alt sind…

  2. Stevie G schreibt:

    Hallo,
    schöne Arbeit!
    Aber unter den Karten schreibst du, dass du nur Nodes ausgewertet hast. Das dürfte das Ergebnis schon ein wenig verfälschen. In Deutschland wird dank guter Luftbilder vieles sehr genau als Fläche gemappt, da dürften noch eine ganze Menge „place_of_worship“ dabei sein.

    • Tim Elrick schreibt:

      Hallo Stevie,
      ja, die Flächen fehlen, da ich zuerstmal mit den Nodes schon genug zu tun hatte. Habe sie alle manuell klassifiziert, dort, wo es aus den Tags nicht ersichtlich war, welcher Religion/Konfession ein Node angehört. Auf den Karten habe ich auch alle Nodes weggelassen, deren Religion/Konfession ich nicht zuordnen konnte – das waren immer hin 18 % aller Nodes.

  3. Ralpe schreibt:

    Hat dies auf Θ TheoNet.de rebloggt und kommentierte:
    Kirchen in Open Street Map – was man aus offenen Daten alles herausholen kann.

  4. Georg V. schreibt:

    Ich habe mir mal die Erlaubnis geholt, die Liste der Moscheen von Tag der Offenen Moscheen 2013 mit dem Datenbestand in OSM abzugleichen. Nach der ersten Stichprobe sind nur knapp 40% der Moscheen eingetragen (16% als reine Knoten). Das wird sich wohl in der nächsten Zeit ändern :).

  5. Georg V. schreibt:

    Die Liste der offenen Moschee (am 3.10.) 2013 hatte als höchste laufende Nummer 702, es befanden sich aber nur 683 unterschiedliche Adressen (ohne Geokoordinaten) auf der Liste. Von diesen Adressen konnten 9,8% nicht einem engeren Bereich zugeordnet werden (meistens weil an der kompletten Straße Hausnummern fehlten und eine übersehbare Länge überschritten wurde).
    Von den restlichen Anfragen wurden 41% als direkte OSM-Objekt Treffer (Knoten oder (geschlossene) Wege) gefunden, weitere Moschee konnten durch Umgebungssuche gefunden werden. Nicht alle direkten Treffer waren als Moscheen gekennzeichnet, sodass mit Hilfe der Umgebungssuche eine Trefferquote von 32,8% erreicht werden konnte. Eine Begründung für die Abweichung zu der im Artikel genannte Zahl, ist die -in den Kommentaren schon erwähnte- Tatsache, dass nur 43% der gefundenen Moschee als Knoten eingezeichnet waren. Bei den nicht als Moscheen gekennzeichneten Adressen wurde ingesamt 395 Hinweise auf die mögliche Existenz eine Moschee eingestellt. Davon sind in der Zwischenzeit schon über 20 Moschee neu eingetragen worden.

    Eine mögliche Begründung, warum Moscheen nicht in OSM eingetragen werden, ist die Tatsache, dass selten der Begriff Moschee am Haus steht, um so häufiger der Begriff Kulturverein (siehe auch http://www.openstreetmap.org/note/236136 ).
    Dabei bedeutet die OSM-Kennzeichnung amenity=place_of_worship nicht zwingend einen klerikaler Prachtbau, sondern nur, dass sich hier Menschen einer Glaubensrichtung (inkl. der des fliegenden Spaghettimonster) zu der gemeinsamen Ausübung der Glaubensriten treffen. Damit können solche Einrichtungen auch in Gegenden sein, die nicht zwingend einladend sind (ich persönlich habe eine solche Situation auch beim Studienwohnung meiner Tochter in Wuppertal beobachten können).
    Auf der Hilfeseite von artnahen Webseiten steht dazu: „Sie sind an der Adresse aber hier ist keine Moschee? Manchmal befinden sich die Moscheen in Hinterhöfen und sogar manchmal in der 1. Etage eines Wohnhauses. Wenn Sie trotzdem nichts finden können, versuchen Sie Anwohner anzusprechen. Meistens bekommen Sie die neue Adresse in einem türkischen/arabischen Geschäft in der Nähe.“

  6. Huber Müller schreibt:

    Ist geplant ein Update der Studie zu machen?

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