Der Osten des Westens

Von Christian Bittner

Die Sendung der politischen Talkshow „Günther Jauch“ zum Thema Bildungspolitik vom 27.11.2011 in der ARD war nicht nur ein Festival der Niveauarmut (was bitte hat der Fußballtrainer Felix Magath in einer Sendung zum Thema Bildung verloren?), sie bot auch ein erschütterndes wie eindrucksvolles Beispiel für den unreflektierten Umgang mit Karten in der Öffentlichkeit.

Ich möchte die/den LeserIn bitten, diesen Ton-Mitschnitt der Sendung anzuhören, in dem auf folgende Karte aus dem Deutschen Lernatlas der Bertelsmann Stiftung Bezug genommen wird, ohne dass dabei der Kontext der Studie oder weitere Informationen zu der Karte angegeben wurden. Eine hochaufgelöste Version der Karte finden Sie auf der Seite des Deutschen Lernatlas.

Ich weise darauf hin, dass meine Kritik hier nicht auf den Deutschen Lernatlas oder auf diese spezifische Karte zielt, sondern lediglich auf deren die unzulängliche Verwendung in Günther Jauchs Talkshow.

Zunächst ist es schmerzhaft, wie unzweifelhaft der Karte hier Aussagekraft und Wahrheitsgehalt zugeschrieben werden: „Je dunkler die Landkreise eingezeichnet sind, desto besser sind die Rahmenbedingungen.“ RAHMENBEDINGUNGEN? Was bitte soll das sein? Welche Daten dienen der Karte als Grundlage? Vielleicht die Kruzifix-Dichte in Klassenzimmern? Die naive Akzeptanz der Hell-Dunkel-Skala in Blautönen, zu der hier keinerlei Legende angezeigt oder erklärt wird, in einer der vermeintlich seriöseren Sendungen in Deutschlands Fernsehlandschaft gibt bereits Grund genug zur Sorge. Aber es kommt noch schlimmer: Wie wir ja im ersten Satz bereits hören durften, ist Deutschland in Sachen Bildung „zweigeteilt. […] Ganz weit vorn liegen Bayern und Baden Württemberg.“ Lassen wir mal außer acht, dass wir anhand dieser Darstellung weder wissen worin, noch wie weit unsere süddeutschen Vorzeigeländer diesmal wieder vorne sind. Lassen wir auch mal beiseite, dass eine Choropletenkarte, die ganze Landkreise in homogene Flächen tüncht, vielleicht nicht das optimale Mittel zur Veranschaulichung von so komplexen Themen wie Bildungsdisparitäten ist. Selbst wenn wir uns also in die intellektuellen Kellergewölbe der hier gebotenen Karteninterpretation begeben, so muss man doch immer noch staunen, was für ein Quatsch da erzählt wird. Diese Karte stellt nämlich keine Zweiteilung dar! Dafür sorgen schon die dunklen Töne von Sachsen und Rheinland-Pfalz. Aber auch die beiden Streber-Länder im Süden sind nicht so homogen dunkelblau, wie es uns die Stimme aus dem Off einzureden versucht. Wir lernen aus diesem Beitrag also leider absolut nichts über die „Rahmenbedingungen“ der deutschen Bildungslandschaft. Aber dafür wird uns etwas anderes deutlich vor Augen geführt: wir lesen aus Karten oft nichts Neues, sondern das, was wir sowieso schon zu wissen glauben. In diesem Fall ist das Folgendes: wir haben in Deutschland ein soziales Süd-Nord-Gefälle und einen Ost-West-Gegensatz. „Die Bildungsverlierer sind Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern“. Wusste ich es doch! Aber Obacht: „das Mecklenburg-Vorpommern des Westens ist Nordrhein-Westfalen“. Welch eine geographische Kunstfigur! Das Mecklenburg-Vorpommern des Westens! Soll heißen: im Westen ist es bald genau so schlimm wie im Osten! Seht Euch vor, Besserwessis!

Was wir hier haben ist ein Beweis dafür wie leicht anhand von Karten Klischees und Vorurteile reproduziert werden können. All das kombiniert sich dann schlimmstenfalls in unseren Köpfen mit dumpfen Assoziationen von No-Go-Areas und Nazi-Dörfern ohne Frauen und ohne Sparkasse, dafür aber mit Tagebau-Restloch und Plattenbauten. Und das gibt es jetzt bald alles auch im Westen. Wohl dem, der im Süden auf seiner Alm wohnt und in Dirndel/Lederhose gut gelaunt 5 Maß Weißbier auf seine Bildung trinken kann. Das Bayern des Nordens ist übrigens Schleswig-Holstein während Bayern wiederum das Sachsen des Südens ist. Thüringen bleibt vorerst auf dem Rang des Hessens Mitteldeutschlands. Das Saarland mausert sich zum Südosten des Südwestens und der Südwesten zum Norden des Südens, dicht gefolgt vom Nordwesten des Nordens, dafür aber knapp hinter dem Süden des Nordostens.

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Über Christian Bittner

I'm a PhD Candidate at the institute of Geography, University of Erlangen-Nuremberg, Germany. The subject of my thesis is "Web 2.0 mapping in Israel/Palestine", which is at the intersection of my research interests: Political Geography, Critical Cartography, GIS and the Geoweb. You'll find my 'official' academic profile here
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3 Antworten zu Der Osten des Westens

  1. jhn schreibt:

    Na gut, ein bisschen muss man vielleicht auch anerkennen, dass man in einer Fernsehsendung nicht erstmal eine Definition aufstellen kann – in dem Moment wären mindestens 80% der Zuschauer verloren – drei viertel, weil sie es nicht verstünden, der Rest, weil es ihn nicht interessiert.

    Aber du hast recht, leichtfertiger Umgang mit Daten ist wissenschaftlich arbeitenden Menschen immer ein Gräuel.

    Jetzt weiß ich aber immerhin, woher der Burner die Karte kennt, von der er mir beim Mittagessen heute erzählt hat. 🙂

  2. Ralf schreibt:

    Hallo,

    sorry…aber ich war der Meinung, dass der Jauch erst letztes Jahr mit seiner neuen TalkShow auf Sendung gegangen ist.

    Ich würde mich zwar der Meinung anschließen, diesen Vorwurf allerdings nicht explizit dieser TalkShow machen. Vielmehr ist die Anwendung von Karten im Medium Fernsehen stets ein Problem, das mal grundlegend überdacht werden sollte!
    Aber die machen doch sowieso was sie wollen 😉

    Grüße
    Ralf

  3. Christian Bittner schreibt:

    Oha!

    Danke für die Hinweise, hatte mich bei der Jahreszahl vertippt…

    Ich hatte den Beitrag auch eigentlich als Beispiel für den unreflektierten Umgang mit Karten allgemein konzipiert.
    Wahrscheinlich habe ich mich dann aber so sehr über die Argumentation des Fallbeispiels aufgeregt, dass ich vergessen hatte, abschließend wieder etwas genereller zu werden.
    Daher nochmals vielen Dank für die Hinweise!

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